Nachlese der 2. kea-Fachtagung “Energiearmut in Städten”
30.03.2026
Nachlese zur 2. kea-Fachtagung “Energiearmut in Städten”
Am 26.03.2026 fand die zweite kea-Fachtagung unter dem Titel „Energiearmut in Städten“ statt. Die Veranstaltung bot einen umfassenden Einblick in aktuelle Entwicklungen, Herausforderungen und Handlungsansätze zur Bekämpfung von urbaner Energiearmut in Österreich und brachte über 120 Expert:innen aus Wissenschaft, Politik, Verwaltung, NGOs und Wirtschaft zusammen.
Energiearmut in Städten: Herausforderungen verstehen, Lösungen gemeinsam gestalten
Wie zeigt sich Energiearmut im urbanen Raum – und welche Hebel stehen Städten, Politik und Institutionen zur Verfügung, um wirksam gegenzusteuern? Diese Fragen standen im Zentrum der Fachtagung der Koordinierungsstelle zur Bekämpfung von Energiearmut (kea). Vertreter:innen aus Politik, Verwaltung, Wissenschaft und Praxis diskutierten gemeinsam mit zahlreichen Teilnehmer:innen über neue Erkenntnisse, konkrete Maßnahmen und notwendige strukturelle Veränderungen.
Energiearmut in Österreich: Eine Frage der Städte?
Zum Auftakt betonten die Staatssekretärin für Energie, Start Ups und Tourismus Elisabeth Zehetner (Videobotschaft), der Geschäftsführer des Klima- und Energiefonds Bernd Vogl, und kea-Leiterin Caroline Nwafor die hohe Relevanz des Themas. Das neue Dashboard der kea zeigt: 12,5 % der Haushalte in Österreich sind von Energiearmut betroffen. Besonders deutlich wird dabei die urbane Dimension: 58,5 % der energiearmen Haushalte leben in Städten mit mehr als 100.000 Einwohner:innen.
Die Ursachen sind vielfältig: höhere Armutsgefährdung, ältere und mehrgeschossige Gebäudestrukturen sowie ein hoher Anteil an Mietverhältnissen. Gleichzeitig zeigt sich, dass Stadt nicht gleich Stadt ist – während Wien eine besonders hohe Betroffenheit aufweist, liegen andere größere Städte teilweise unter dem Durchschnitt, kämpfen jedoch ebenfalls mit stadtspezifischen Herausforderungen, wie einem hohen Mieter:innenanteil, mehrgeschossigen Wohngebäudebestand und urbanen Hitzeinseln, allem voran aber der unzureichenden Möglichkeit energiearmer Haushalte, die eigene Wohnung warmhalten zu können.
Neue Rahmenbedingungen und konkrete Unterstützungsinstrumente
Ein zentraler Programmpunkt war die Vorstellung aktueller gesetzlicher Entwicklungen durch Sarah Oberreiter vom Wirtschafts- und Energieministerium (BMWET). Das Elektrizitätswirtschaftsgesetz bringt mehr Transparenz und stärkere Rechte für Endkund:innen, etwa durch klarere Informationspflichten, vereinfachte Rechnungen und neue Tarifoptionen.
Mit dem bundeseinheitlichen Sozialtarif für Strom wurde zudem ein wesentliches Instrument zur Entlastung einkommensschwacher Haushalte geschaffen. Dieser wirkt als Preisdeckel für einen definierten Grundverbrauch und wird bei Vorliegen der notwendigen ORF-Beitrags-Befreiung automatisch für berechtigte Haushalte angewendet. Insgesamt können rund 290.000 Haushalte davon profitieren.
Klimakrise, Hitze, gesundheitliche Auswirkungen und soziale Realität
- Die Analysen zu Hitzevulnerabilität von Gabriel Bachner vom Wegener Center für Klima und Globalen Wandel der Universität Graz zeigten eindrücklich: Soziale, gesundheitliche und infrastrukturelle Faktoren wirken oft zusammen und verstärken Risiken. Besonders betroffen sind unter anderem armutsgefährdete Haushalte in urbanen Hitzeinseln sowie ältere Menschen mit geringem finanziellem Spielraum. Bereits heute zählt rund ein Viertel der Bevölkerung zu Hochrisikogruppen – mit deutlich steigender Tendenz in den kommenden Jahrzehnten.
- Der Vortrag von Gesundheit Österreich-Expertin Christina Lampl zeigt: Energiearmut wirkt sich unmittelbar auf die Gesundheit aus. Kalte oder überhitzte Wohnungen, eingeschränkte Nutzung von Energie und finanzielle Belastungen führen zu physischen und psychischen Problemen. Gleichzeitig zeigen Erfahrungsberichte aus der Praxis, dass Betroffene oft mit kreativen, aber belastenden Strategien reagieren – etwa dem Heizen einzelner Räume oder dem Verzicht in anderen Lebensbereichen.
- Mit Einblicken aus der Sozialberatung machte Michaela Haunold von der Caritas Oberösterreich deutlich: Energiearmut bleibt in Städten häufig unsichtbar, prägt aber den Alltag der Betroffenen tiefgreifend – von eingeschränkter sozialer Teilhabe bis hin zu Einsamkeit.
Wohnpolitik und Städte als zentrale Schlüssel zur Lösung
Energiearmut ist eng mit der Wohnsituation verknüpft. Hohe Wohnkosten, veraltete Gebäudestrukturen und mangelnde Sanierungsmöglichkeiten erhöhen das Risiko erheblich. Maßnahmen wie die Mietpreisbremse, der Ausbau des sozialen Wohnbaus sowie Investitionen in thermische Sanierung und erneuerbare Energiesysteme wurden von Martin Orner vom Bundesministerium für Wohnen (BMWKMS) als zentrale Hebel hervorgehoben.
Städte spielen laut der Salzburger Stadträtin für Soziales, Andrea Brandner, vom Städtebund eine Schlüsselrolle im Umgang mit Energiearmut. Sie sind nah an den Menschen, erkennen Problemlagen früh und können gezielt unterstützen. Beispiele aus der Praxis zeigen, dass kommunale Maßnahmen, wie Heizkostenzuschüsse oder Energieberatung, wichtige Beiträge leisten. Gleichzeitig bräuchte es weniger Bürokratie, bessere Abstimmung und stärkere Einbindung der kommunalen Ebene, um bestehende Instrumente wirksamer zu machen.
Auch technische und strukturelle Lösungen standen im Fokus und wurden in Vorträgen von Barbara Sigmund von der MA 20 (Energieplanung) und Ernst Bach, Vorstandsvorsitzender der Sozialbau AG näher behandelt. Programme zur Steigerung der Energieeffizienz, der Ausbau erneuerbarer Energien sowie innovative Sanierungsansätze – etwa die Nutzung bestehender Gebäudestrukturen für neue Heizsysteme – zeigen, dass Klimaschutz und soziale Entlastung Hand in Hand gehen können. Pragmatische, kostengünstige und minimalinvasive bauliche Lösungen, die für Bewohner:innen schnell spürbare Verbesserungen bringen, wurden dabei als besonders vielversprechend hervorgehoben.
Gemeinsame Verantwortung und Ausblick
Renate Anderl, Präsidentin der Bundesarbeitskammer, machte in ihrem Statement unmissverständlich klar, dass die drohenden Preissteigerungen infolge des Konflikts im Nahen Osten weitreichende Auswirkungen auf die gesamte Bevölkerung haben werden. Besonders stark betroffen seien jedoch vulnerable Haushalte, die bereits jetzt unter steigenden Lebenshaltungskosten leiden und durch zusätzliche Belastungen vor große Herausforderungen gestellt werden.
Zum Abschluss der Tagung gaben Mbuya-Yolande Kyoni und Andreas Rajchl einen Einblick in aktuelle Maßnahmen in Innovations- und Infrastrukturministerium (BMIMI) und Umwelt- und Klimaministerium (BMLUK). Im Fokus standen dabei insbesondere die Bedeutung von Forschung sowie die Rolle innovativer Städte als Treiber sozialer und nachhaltiger Lösungen. Hervorgehoben wurde zudem der Klimasozialfonds, der voraussichtlich eine Grundlage für die Weiterführung wichtiger Förderprogramme für Menschen mit niedrigem Einkommen, wie Sauber Heizen für alle und Energiesparen im Haushalt: Beratung und Gerätetausch, bilden wird.